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Matthias Hagedorn

amateur d' art

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Beiträge: 587

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Mittwoch, 3. April 2013, 10:11

Prægnarien – Wort- und Medienkompositionen

Auf diesem Hörbuch der Edition Das Labor sind
grenzüberschreitende ‚artIQlationen’ zwischen unterschiedlichen Artisten auf
analoger Basis zu hören. Als gegenseitig befruchtender Dialog zwischen
bildender Kunst, improvisierter Musik und sprachlicher VerDichtung sollte man
das spartenübergreifende Projekt Prægnarien verstehen. Hieß es einst „Wer nicht
hören will, muß fühlen.“, könnte man nun behaupten „Wer leben will, muss
wahrnehmen.“ Auf allen Ebenen.

Idiosynkrasie, schrieb Jürgen Habermas in seiner
"Theorie des kommunikativen Handelns", ist privatistisch und
irrational. Letzterem zumindest scheinen Philipp Bracht, A.J. Weigoni und Haimo
Hieronymus zuzustimmen, wenn sie über ihr Projekt Prægnarien sagen, es habe nichts
mit Logik zu tun. Haimo Hieronymus mag das Individuelle des Strichs, empfindet
im Glattgebügelten reiner Ideenkunst beliebige Langeweile und gähnende
Austauschbarkeit. Weigoni verachtet die Bewertungskultur der Medien. Der
Posaunist Philipp Bracht spielt Noten abseits der vorgeschriebenen Linien. Weder
in der Malerei noch in Poesie und Musik ist Lebendigkeit eine Voraussetzung für
unser Staunen, daher wollen diese Artisten als Künstler nicht bewundert,
sondern in treusorgender Ironie betrachtet werden, ein Augenzwinkern ist nicht ausgeschlossen.

Der Leser ist im Grunde immer ein Zuhörer. Er kann nicht
ausweichen. Der Ton des Textes trifft ihn, eifersüchtig, obsessiv,
unbarmherzig. In der künstlerischen Auseinandersetzung treffen sich Bracht,
Hieronymus und Weigoni regelmäßig an der Grenzlinie, dort, wo Schrift in
Zeichnung, und auch in Klang übergeht. Es geht bei dieser Performance um die
Sehnsucht nach Körperlichkeit, sinnlicher Unmittelbarkeit. Kein anderer Klang
lebt so sehr vom Atem. Keine andere Musik verlangt ähnlichen körperlichen
Einsatz. Bläser und Angeblasene verschmelzen zu einer Einheit, werden Teil
eines großen atmenden Klangkörpers. Keine Maschinen, sondern allein die
Lungenzüge geben den Rhythmus vor.

Ergänzt wird die Live-Aufnahme aus dem Theater im Bogen (Arnsberg) durch
Hörspielereinen von Frank Michaelis und A.J. Weigoni. Es ist ein Wagnis vor dem
Mikrofon zu bestehen, eine Gefahr zu meistern. Die Kunst gewinnt aus der
Bedrohung etwas Neues, einen Überlebenston, dem man in Zuneigung verfallen
kann, weil er sich weder für die Tragödie noch für die Komödie entscheidet. Den
aggressiven Bezichtigungston sollte man auf keinen Fall mit der zärtlichen
Verzweiflungklarsicht zu verwechseln. Weigoni und Michaelis veranstalten ein
furioses Stimmenkonzert aus Reimen und Kalauern, den Tücken der deutschen
Grammatik und ihren Wortzusammensetzungen. Es gibt in diesen Gedichten
Buchstaben als etwas Hörbares. Weigoni ist ein exzeptioneller Lyriker und
Performance–Künstler, im Sprechen liefert er seines Existenzbeweis, das
Sprechen und Schreiben, jener hochmusikalische Rhythmus der Wiederholung wird
zum einzig möglichen Aufschub gegen den Tod. Beinahe verschwörerisch rezitiert
Weigoni seine Wortfelder und Frank Michaelis bläst ein Saxophon, dessen bewußt
blecherne Schwüle leicht eine ganze New Yorker U–Bahn–Station unterhalten
könnte. Keinen Millimeter Abstand hat Michaelis zum Text halten müssen. Nichts
hat er verschludert. Selbst die Atemlosigkeit nicht. Michaelis Hommage an
Thelonious Monks Well you need’nt ist ein Resümee, das in der eleganten und
weitläufigen Stimmführung Weigonis paradoxerweise nicht wie Resignation,
sondern als ideales psychisches Gleichgewicht daherkommt. Weigoni liefert den
Beweis, wie klug das Textverstehen einer poetischen Performance sein kann. Wir
Zuhörer sind geradezu angewiesen auf jemanden, der gekonnt rezitiert. In
Düsseldorf arbeiteten Weigoni und Michaelis im Kunstakademie-Umfeld als
Hörbuchpioniere, sie produzierten sogenannte LiteraturClips zu einer Zeit, als
Marketingspezialisten den Claim Hörbuch noch nicht einmal erfunden hatten.
Weigoni und Michaelis kommt damit das Verdienst zu, die Lyrik nach 400 Jahren
babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit zu haben.



***

Prægnarien, Künstlerbuch von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni, erhältlich über Werkstattgelerie Der Bogen, 02932 / 203 130

Prægnarien, Hörbuch von Philipp Bracht, Frank Michaelis und A.J. Weigoni. Eine limitierte Auflage von 50 Exemplaren ist versehen mit einem Original von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, Mühleim an der Ruhr 2013

Bilder der Prægnarien-Performanmce von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind hier zu sehen: http://www.editiondaslabor.de/blog/?page_id=12402

Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni hier: http://www.youtube.com/watch?v=_xE7BPCey68
»Matthias Hagedorn« hat folgende Datei angehängt:
Ich bin ein Amateur, weil in dem Wort Amateur das Wort Amour steckt.

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