P R O D U C T I O N



Stichwort Scripting: Wie entscheidet man, was man weglässt und was wirklich absolut unumgänglich ist?
Wolfgang Strauss
Eine Beschneidung des eigens erstellten Skripts finde ich überflüssig. Das haben wir nur selten vorgenommen. Und auch dann waren es ein oder zwei Sätze.
Wie entwickelt sich ein HSP-Skript?
Wolfgang Strauss
Durch eine Idee und das Ausspinnen dieser.

Simeon Hrissomallis
Das hat etwas mit Talent und Fantasiereichtum zu tun. Entweder man kann es oder auch nicht. Dialogbücher, bzw. Schreiben in dem Sinne kann man nicht „lernen“, dazu gehört einfach Talent und das richtige Händchen für die Inszenierung einer Hörspielproduktion.
Es gibt viele Menschen, die tolle Ideen haben, diese aber nie auf das Papier bringen können.
Wobei es auch große Unterschiede gibt: Arbeit ich mit eine Vorlege oder nicht? Das Arbeiten mit Vorlagen ist wesentlich einfacher. Ich muss nur ein gutes Auge für Kürzungen und das Wesentliche habe.
Serien wie Gabriel Burns oder Faith sind da weitaus schwieriger umzusetzen, da es dafür keine Vorlage gibt. In diesem Fall ist Ideenreichtum und Kreativität gefragt.
Schreibt man einfach drauf los, direkt mit Dialogen und allem?
Simeon Hrissomallis

Ich arbeite meistens mit Exposés, dass ist bei einer so komplexen Handlung wie FAITH unumgänglich. Vieles ist auch schon in meinem Kopf „abgespeichert“. Und dann sieht es wirklich so aus, dass komplett alles geschrieben wird. Dialoge, Erzähltexte und Beschreibungen für das Mixing, sowie den Schnitt und die Schauspieler.

Beispiel:

 

 
SFX: Schritte auf einem Gang in der Schule; Klopfen an einer Bürotür.

002 - 1 Arowic (freundlich)
Herein!

SFX: Tür wird geöffnet; FAITH betritt das Büro, schließt die Tür; Schritte auf Teppich.
          sie bleibt stehen.

003 - 1 Arowic
Hallo, Faith. Bitte setz dich.

004 - 1 Faith
Danke, Direktor Arowic.

S/FX: sie setzt sich hin

005 - 1 Arowic (freundlich, fürsorglich)
Schön, dass du gekommen bist. Ich freue mich, dass du den Unterricht wieder aufgenommen hast. Wie geht es dir?

006 - 1 Faith  (ruhig)
Wieder etwas besser...

007 - 1 Arowic  (freundlich, fürsorglich, betroffen)
Du bist ein tapferes Mädchen, Faith. Es ist einfach grausam und tragisch, was deinen Eltern zugestoßen ist! Ich hoffe, dass die feigen Mörder bald gefasst werden und ihre gerechte Strafe bekommen.

008 -1 Faith  (ruhig, mit einer gewissen Traurigkeit in der Stimme)
Ja, das hoffe ich auch...

009 - 1 Arowic  (Betroffenheit, emotional)
Was ist nur aus unserer Welt geworden? Überall Mord und Totschlag. Schrecklich, schrecklich...
Du hast bestimmt mitbekommen, dass sechs Schüler aus der Oberstufe vermisst werden, nicht wahr?

010 - 1 Faith  (neugierig)
Ja, es hat sich rumgesprochen, außerdem stand es in der Zeitung. Weiß man was Genaueres?

 

 

Wolfgang Strauss
Bei mir erfolgt nur sehr selten ein ausgearbeitetes Exposé. Die Idee habe ich meist im Kopf, fange an zu schreiben und setze mir währenddessen ein Ziel, damit ich weiß, wohin ich mich überhaupt bewege. D.h., der Schluss steht bei mir ziemlich schnell fertig geschrieben im Skript, während der gesamte Hauptteil noch fehlt.
 
Mal kopieren oder grundsätzlich am liebsten das Rad neu erfinden?
Wolfgang Strauss
Der Bereich Mystik und Horror wurde weitgehend schon ausgeschlachtet. Ich denke, hier braucht sich keiner was vormachen. Hier wird geklaut, gestohlen und auch kopiert. Ich spreche allerdings eher von Inspiration. Ich lasse mich gerne inspirieren - das mag man anhand der Hörspiele, die aus meiner Feder geflossen sind, wohl auch jeder merken. Wichtig ist vor allem der Inhalt. Die Stimmung ist ebenfalls keinesfalls zweitrangig. Die Figur „Geisterjäger Jac Longdong“ ist auf dem Hörspielmarkt ja einzigartig. Somit ist hier wirklich ein „neues Rad“ erfunden worden. Der Inhalt selber ist dann wieder ein wildes Sammelsurium aus der Welt des Horrors – aber das ist ja auch das Konzept.
 
Hat man beim Schreiben der Dialoge schon konkrete Stimmen im Kopf?
Wolfgang Strauss
Ja!
 
Castet man bei Hörspielen ähnlich wie bei Filmen, oder läuft die Sprechersuche anders?
Wolfgang Strauss
Um Gottes Willen! Ein richtiges Casting kostet Zeit und sogar Geld. Beides haben wir dafür nicht. Es ist auch nicht nötig. Im Laufe der Jahre haben Simeon und ich ein geschultes Ohr für die richtige Besetzung. In den seltensten Fällen müssen wir uns eingestehen, dass eine Rolle falsch besetzt wurde.
 
Erhalten Sprecher genauen Einblick in die Produktion, sprich haben sie vorher ein komplettes Script zum Lesen?
Wolfgang Strauss
Das lässt sich nicht genau beantworten. Manche erhalten das gesamte Skript, manche nur Teile daraus. Manche lesen das Skript komplett, manche nur ihre Rolle. Entscheidend ist unsere Regie - passt uns das, was gesprochen wurde?
 
Sagen Sprecher, wenn sie vorher ein Script haben, eventuell Rollen ab?
Wolfgang Strauss
Das kam bisher zum Glück nur einmal vor.
 
Nimmt man mehrere Sprecher zusammen auf oder alle einzeln und Xt dann?
Simeon Hrissomallis
Bei einer Produktion mit 20 mitwirkenden schauspielern, ist es kaum finanzierbar, dass Hörspiel „live“ aufzunehmen, also lässt man die Sprecher einzeln oder zu zweit einsprechen. Dann wird editiert.
Wenn man nicht editiert, müsste die Produktion um ein vielfaches mehr kosten. Die meisten Label editieren, es gibt auch Ausnahmen, diese Produktionen kosten dann auch mehr.

Wolfgang Strauss
Sprecher zusammen aufzunehmen birgt viele tontechnische Gefahren. Ich benötige möglichst „tote“ Aufnahmen. D.h., es befindet sich kein Raum darauf. Bei Aufnahmen mit mehreren Schauspielern habe ich automatisch eine Menge Raum auf dem Mikrofon, das nicht besprochen wird - nämlich den Partner. Das ist alles Material, dass ich anschließend schneiden muss. Spricht der Partner allerdings in den Text des anderen rein, ist ein „Schneiden“ nicht mehr möglich - ich habe also den Raum.
Ich benötige die Kontrolle über die Räumlichkeiten, die ich gerne selber bestimmen möchte.
Das ist der Grund, warum ich nicht „Xse“. Bei den verschiedenen Tonstudios in Deutschland, die Simeon und ich besuchen, kommt es leider vor, dass trotz alle dem am Ende „ein Raum“ bei manchen Sprachaufnahmen zu hören ist - da werde ich dann immer relativ sauer.
 
Wenn man die Musik zum Hörspiel selbst macht: Schneidet man erst das Hörspiel an sich zusammen und denkt dann über die passende Musik nach?
Wolfgang Strauss
In der Regel komponiere ich vor. Einzige besondere Ausnahme war FAITH. Die Eingangssequenz von Faith persönlich, komponierte ich auf den Text. Dieses Vorgehen wird vor allem in Werbeproduktionen wahrgenommen - z.B. ein Funkspot mit einem Jingle.
Die Musik ist demnach der letzte Schliff am Hörspiel. Hier kommt es aber nicht selten vor, dass ich doch etwas exklusiv zum aktuellen Hörspiel komponieren muss. Hier spiele ich meist zum gesprochenen Text.
Bei „Geisterjäger Jac Longdong“ versuche ich prinzipiell immer eine komplett neue Titelmusik einzuspielen.
 
Wie lange kann sich eine Produktion ziehen?
Wolfgang Strauss
„The Undead Live“ war ein langer Prozess. Die Produktion zog sich etwas über ein Jahr, was aber auch daran lag, dass Simeon und ich uns anderen Projekten widmeten. Simeon und ich planen ja auch so weit vor, dass einige Sprachaufnahmen noch weit vor der Veröffentlichung von uns erledigt werden. Da kann manchmal ein  Jahr dazwischen liegen.
Es ist demnach schwer zu sagen, wie lange sich eine Produktion streckt. Sind Skript und Sprachaufnahmen erledigt, so benötige ich für die Produktion ca. 1 – 2 Wochen.