Die Hoerspiel-Freunde
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folgen Ekkehard SkoruppaIm Januar 2009 haben wir uns erneut mit  Ekkehard Skoruppa, Hörspielchef des SWR und Koordinator des Radiotatortes, über ein Jahr Radiotatort und dessen Zukunft unterhalten.



Zunächst vielen Dank, Herr Skoruppa, dass Sie sich die Zeit nehmen, nach einem Jahr Radiotatort einen kurzen Rückblick und vielleicht auch schon einen Ausblick zu wagen.

Was war denn ihr persönlicher Lieblingstatort des ersten Jahres?

Das war "Irmis Ehre" vom BR. Weniger, weil die Geschichte so ungewöhnlich oder die Spannung so überbordend gewesen wäre, aber Regisseur Ulrich Lampen und Autor Robert Hültner ist da ein atmosphärisch sehr dichtes, beschwingtes Stück mit einer Menge Lokalkolorit und guter Charakterzeichnung der Figuren gelungen. Gerade das "bayerische Element" hat mir dabei sehr gut gefallen; eine Mischung aus guter Krimigeschichte und sehr schöner Inszenierung.


Wie beurteilen Sie das erste Jahr "ARD Radio Tatort" insgesamt?

Der Start der Reihe und das erste Jahr waren ein wirklich außergewöhnlicher Erfolg, den das Radiohörspiel in dieser Form seit vielen Jahren nicht mehr kannte. Wir bekamen und bekommen unglaublich viele, überwiegend positive Reaktionen von Presse und Hörern. Sicherlich gab es neben den positiven auch kritische Stimmen, aber allein die sehr erfreuliche Tatsache, dass sich der Radio-Krimi und damit das Hörspiel insgesamt so stark ins Gespräch bringen konnten, ist bereits von erheblichem Wert. Und wir merken, dass das Interesse am Radiotatort keineswegs nachlässt. Die Pressemeldung zum Auftakt des zweiten Radiotatortjahrs stieß erneut auf große Resonanz. Schade, dass anderen Hörspielproduktionen, die nicht weniger Beachtung verdienen, solche Aufmerksamkeit zu selten zuteil wird. In den Redaktionen hat das Engagement, die Reihe weiter zu entwickeln und zu etablieren, jedenfalls nicht nachgelassen - im Gegenteil.


Hat der Erfolg des Radio Tatorts auch Auswirkungen auf das Hörspiel bzw. die Wortsendungen im Radio insgesamt? Gibt es eine Art Windschatten-Effekt?

Davon bin ich überzeugt. Insgesamt hilft der Radio Tatort dem Hörspiel, wieder verstärkt wahrgenommen zu werden. Bei vielen Hörern, das stellen wir in den Zuschriften fest, war das Genre wenig beachtet und wurde erst durch den Radio Tatort wieder zum Thema.


Warum wird der Radio Tatort nicht mit der Musik des Fernsehtatorts versehen?
Rechtliche Sache oder bewusster Verzicht?

Das war eine bewusste Entscheidung; die rechtliche Frage sind wir gar nicht erst angegangen. Wir wollten uns nicht zu sehr dem Fernsehtatort annähern und stattdessen dem Radio Tatort ein eigenes Gesicht geben - auch durch ein eigenes musikalisches Layout. Als kleiner Bruder des großen Fernsehtatorts wollen wir gar nicht auftreten. Wir wollen die Eigenständigkeit des Mediums, das seine eigenen Erzählweisen hat, betonen: Auch die Musik soll dies unterstreichen. Das bekannte Intro von Klaus Doldinger ist nach 30 Jahren Fernsehtatort nicht zu toppen, aber ich glaube, dass sich auch unsere Musik schon 'eingehakt' hat in den Ohren. Und warten wir's mal ab: Der Radio Tatort ist auf gutem Weg, eine 'Radio-Marke' im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu werden.


Ein wiederkehrender Kritikpunkt war ja das eingeschränkte Downloadangebot. Diesbezüglich wird im Jahr 2009 den Fans ja deutlich mehr geboten, erschwert das aber dann nicht die weitere CD-Veröffentlichung?

Uns ist es gelungen, in 2009 die Rechte so einzukaufen, dass wir nahezu alle Produktionen auch zum Download zur Verfügung stellen können. Der große Wunsch der Hörerschaft ist nun viel besser zu erfüllen. In Bezug auf CD-Veröffentlichungen ist das freilich nicht ganz unproblematisch. Beide Veröffentlichungswege schielen auf eine Zielgruppe. Da darf es natürlich keine gegenseitige Behinderung geben, dann verlieren Verlagspartner, die einiges an Kosten haben, leicht ihr Interesse. Der zeitliche Abstand, der zwischen Sendung samt anhängendem Download-Angebot und der Veröffentlichung der Stücke im Handel liegt, könnte die Lage entspannen. Der Download ist bei uns auf sieben Tage begrenzt. Auch vermeiden wir die Gleichzeitigkeit von kostenfreiem und kostenpflichtigem Angebot. Übrigens gibt es Indizien, dass beides nebeneinander bestehen kann: Im Featurebereich gibt es zahlreiche Podcast-Angebote, die sich auch als CD-Produktionen auf dem Markt behaupten. Es würde uns freuen, wenn dies das auch mit dem Radiotatort möglich wäre. Die Radiotatorte des Jahres 2008 kommen auf jeden Fall noch bis weit ins Jahr 2009 als CDs heraus. Was künftige CD-Veröffentlichungen angeht, führen wir Gespräche mit unserem Verlagspartner. Ob der Hörverlag weiterhin dabei bleibt, hängt von etlichen Faktoren ab, natürlich auch von den Verkaufszahlen.


Nachdem nun die Frage nach der Möglichkeit des Downloads geklärt ist, reiben sich die Kritiker am Zeitlimit von einer Woche. Was können Sie denen sagen, die als Gegenwert für ihre Rundfunkgebühren eine permanente Zugriffsmöglichkeit auf die Radiotatorte verlangen?

Ich weiß, dass es diese irrige Vorstellung gibt, mit den Rundfunkgebühren sei jedwede Form der Zugänglichmachung bereits 'bezahlt'. Aber dem ist durchaus nicht so: Die Urheber der Werke haben geschützte Rechte, die beachtet werden müssen. Wir dürfen und sollen uns nicht darüber hinwegsetzen. Mit den neuen Medien ist ein neuer Verbreitungsweg entstanden, den frühere Tarifverträgen gar nicht berücksichtigen konnten. Auch in der Medienpolitik und -Gesetzgebung ist noch manches in Bewegung. Die Online-Aktivitäten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden vor allem von der privaten Konkurrenz heftig beargwöhnt. Derzeit wird der sogenannte "Drei-Stufen-Test" entwickelt, der mit darüber befinden soll, was die öffentlich-rechtlichen Anstalten ins Netz stellen dürfen und was nicht. Und stellen Sie sich einmal vor, jeder Kinobesucher würde für sein Eintrittsgeld verlangen, Zugang zu einem kostenfreien Downloadportal zu bekommen. Da würde kein Produzent mitmachen - es sein denn, die Preise würden ins Astronomische steigen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist längst dabei, die neuen Verbreitungswege stärker zu nutzen und damit dem geänderten Medienverhalten der Hörer und Zuschauer entgegen zu kommen. Aber es ist ein schwieriger Weg, die Rechte und Interessen aller Beteiligten fair auszugleichen. Ich bin jedenfalls froh, dass wir - wenn auch zeitlich befristet - alle oder fast alle Radio Tatorte im Jahr 2009 als Download anbieten können.


Inwieweit ist die Zukunft des Radiotatortes gesichert? Die bekannten Pläne reichen bis zum Sommer 2009, geht es darüber hinaus und können wir auch in 2010 mit weiteren Folgen rechnen?

Ja, die Fortführung der Reihe ist bis einschließlich 2010 beschlossene Sache. Nach dem Auftakterfolg bestand daran nicht der geringste Zweifel.


Bleibt es dabei, dass die 'großen' Sender wie WDR, SWR und NDR zwei Folgen, alle anderen Sender je eine pro Jahr produzieren?

Im Grunde ja. Allerdings werden sich die vier großen Sender SWR, BR, NDR und WDR ein wenig abwechseln, damit man insgesamt auf zwölf Produktionen p.a. kommt. Im Jahr 2009 wird der BR zwei Produktionen vorlegen, dafür der NDR nur eine. Wie wir es in 2010 halten, steht noch nicht fest. Kann sein, dass dann beispielsweise der SWR nur eine Produktion herstellt.

In diesem Jahr wird es zwei SWR-Tatorte geben: Im Februar "Falsches Herz" von Friedrich Ani und Uta-Maria Heim und im Dezember 09 "Schlössers Geheimnis" von Felix Huby. Der Altmeister des Krimis (übrigens Fernsehen wie Hörfunk) hat für uns ein 'klassisches' Kriminalhörspiel geschrieben. Mit scharf gezeichneten Figuren und einer spannendes Story, die im Kunst- und Galeriemilieu am Bodensee spielt. Regie führt Robert Schoen und produziert wird im März / April. Erstmals öffentlich vorstellen werden wir das Stück in einem Prelistening bei der "Criminale" in Singen (6. - 10. Mai).


Sehr unterschiedlich wurde in den bisherigen Radio Tatorten das Thema der "regionalen Bezüge" angegangen. Sind Sie mit dem Umgang der einzelnen Produktionen zufrieden oder hätten Sie sich mehr oder vielleicht auch weniger davon gewünscht?

Die Frage beschäftigt uns immer wieder. Wie wir regionale Elemente aufgreifen können, wird von Sender zu Sender unterschiedlich beantwortet. Manche Kollegen binden regionale Bezüge nur am Rande ein, andere betonen die regionale 'Verortung' stärker - auch mit Hilfe regionalsprachlicher Elemente. Wenn Dialekt ins Spiel kommt, wird es manchmal ein bisschen kniffelig: Der BR-Tatort beispielsweise, aber auch die Tatorte des SWR, sollen für den einen oder anderen Hörer in Norddeutschland nicht ganz leicht zu verstehen gewesen sein. Ich kann das nicht nachvollziehen, obschon ich als Rheinländer weder des einen noch des anderen Dialekts mächtig bin. Klar ist, dass wir keine regionalsprachlichen Hürden aufbauen dürfen, die nicht zu nehmen sind. In dem Punkt gehen die Meinungen allerdings manchmal auseinander. Vermutlich werden wir mit dem Dialekt eher ein bisschen sparsamer als zu opulent umgehen müssen. Die beteiligten Redaktionen halten es nach wie vor für richtig, die Stücke in identifizierbaren Gegenden spielen zu lassen, um Mentalitäten und Realitäten aufzugreifen zu können. Ob das schon in jedem Fall gelungen ist, sei dahin gestellt. Die Stories jedenfalls sollen nicht im Irgendwo spielen, sondern dort, wo sie tatsächlich hingehören.


Wurden im Laufe des Jahres weitere Bedürfnisse erkannt, etwas am bisherigen Konzept zu ändern?

Ein direkter Änderungsbedarf besteht nicht. Natürlich gibt es weitere Fragen, die im Redaktionskreis diskutiert werden. Beispielsweise, ob sich die Figuren wirklich durch- und festsetzen, wenn sie zum Teil nur einmal im Jahr auftauchen. Dieses Thema hat uns schon in der Planungsphase des Radio Tatorts beschäftigt. Seinerzeit hatten wir ein Modell erwogen, das vorsah, die Anzahl der Ermittler zu reduzieren und nur ein paar Hauptfiguren durch die Lande ziehen zu lassen. Letztlich haben wir uns aber für eine Vielfalt an Geschichten und Hauptfiguren entschieden. Jede ARD-Redaktion hat so die Möglichkeit, eigene Charaktere zu entwickeln und eigene Handschriften zu
zeigen. Die (föderale) Vielfalt soll erhalten bleiben.

Zu den Reaktionen auf den Radio Tatort gehörte manchmal auch die Frage, ob die Eigenheiten des Mediums "Hörspiel", seine besonderen Möglichkeiten und Chancen, schon genügend ausgespielt und ausgereizt werden. Das ist ein Punkt, den wir ernst nehmen. Große Actionszenen sind zum Beispiel nicht unbedingt unsere Sache, die kann das Fernsehen besser auf den Schirm zaubern. Der scharf geschnittene Dialog, das intensive Wortgefecht kann hingegen oft intensiver wirken als das, was die fertigen TV-Bilder dem Zuschauer vorsetzen.


Auch bei der Umsetzung hat man den Sendern ja recht freie Hand gelassen. Bleibt das auch weiterhin so oder wird es in einzelnen Punkten Harmonisierungen geben?

Über die erwähnten Punkte hinaus ist nicht daran gedacht, alle Redaktionen auf eine Linie zu bringen. Worin sollte die auch bestehen? Mit dem Radio Tatort haben wir Neuland betreten, das darf man nicht vergessen. Der Schritt von der Einzelstück-Dramaturgie hin zur gemeinsamen ARD-Reihe mit wiederkehrenden und sich entwickelnden Charakteren stellt ganz andere Anforderungen an die Stückentwicklung und die Umsetzung im Studio dar. Geeignete Autoren zu finden und mit ihnen innerhalb eines bestimmten Rahmens zu arbeiten, die Schauspieler an einem Entwicklungsgang über die Einzelproduktion hinaus zu beteiligen - das alles gestaltet sich doch erheblich anders, als es bei Einzelstücken der Fall ist. Ich glaube, dass da noch eine Menge Möglichkeiten offen stehen und ein Entwicklungspotential vorliegt, das noch längst nicht ausgeschöpft ist.


Was wünschen Sie sich für den Radio Tatort 2009?

Ganz einfach: Spannende Manuskripte von guten Autoren. Und überzeugende Produktionen, die daraus resultieren. Es sollte uns auch gelingen, noch deutlicher die speziellen Stärken des Hörspiels herauszuarbeiten. Dann wird der Erfolg der Reihe nicht nur anhalten, sondern sicherlich noch größer werden.


Ich bedanke mich dafür, dass Sie uns Rede und Antwort standen und wünsche alles Gute - nicht nur für die diesjährige Radiotatortstaffel



Das Interview führte Olaf von der Heydt per Telefon.



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