Die Hoerspiel-Freunde
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folgen Ekkehard SkoruppaInterview mit Ekkehard Skoruppa, Hörspielchef des SWR und Koordinator des Radiotatortes.



Vielen Dank, Herr Skoruppa, dass Sie sich die Zeit nehmen, ein paar Fragen zum Radiotatort zu beantworten. Würden Sie sich und ihre Tätigkeit kurz vorstellen?

Ich bin Hörspielchef beim SWR in Baden-Baden. Aber auch zuständig für Literatur, Feature, Kinder- und Jugendprogramm im Kulturprogramm SWR 2. Wir betreuen, was Hörspiel angeht, hier wöchentlich bis zu vier große Hörspieltermine, angefangen vom Krimi bis zur so genannten "ars acustica"-Produktion. Das sind Stücke, die zwischen den klassischen Hörspielen und der Musik stehen, also in Richtung Neue Musik gehen.

Zu meinem Werdegang: Ich stamme aus dem Rheinland und habe in Wien und Köln studiert. Anschließend arbeitete ich für den Kölner Stadtanzeiger, epd medien, den Westdeutschen Rundfunk und das Deutschlandradio. Seit annähernd 20 Jahren - ich bin jetzt 51 - habe ich mit dem Thema Hörspiel zu tun. Zuerst beim Süddeutschen Rundfunk, dann beim Südwestrundfunk.


Was ist denn jetzt ihre Aufgabe speziell beim Radiotatort?

Beim Radiotatort lag die Hauptaufgabe zunächst darin, die Kollegen aus den neun ARD-Rundfunkanstalten dazu zu bewegen, gemeinschaftlich an dieser Idee zu arbeiten. Das war nicht ganz einfach, da jede Rundfunkanstalt für sich selbst verantwortlich ist und im Radio ein eigenes Programm gestaltet. Es gibt zwar schon lange Ko-Produktionen in der ARD, aber eine solche Reihe, die auf gewisse Dauer angelegt ist, die einmal im Monat bei allen Partnern ins Programm kommt - da hat schon ein bisschen gedauert, die Kollegen dafür zu begeistern. Zur Hauptaufgabe zählte es, ein Konzept mit den Kollegen zu erarbeiten, in dem verschieden Fragen beantwortet werden: Wie und wann kann man das machen? Wie ist es sinnvoll? Wer sind die Autoren, die Regisseure, die Schauspieler? Wie unterscheiden wir uns vom Fernsehen? Wie sehen die Fälle aus? Wie soll das überhaupt das Konzept aussehen? Wie das Fernsehmodell oder vollkommen anders?

Das waren die Aufgaben die ich beim Radiotatort übernommen habe und noch immer übernehme. Die einzelnen Manuskripte und Fälle mit den Autoren zu entwickeln, das ist vor allem auch Aufgabe meiner Kollegin Uta-Maria Heim, die als Autorin viele
eigene Krimis veröffentlicht hat.


Wie kamen Sie denn an diese Aufgabe?

Ich will nicht sagen, wie die Jungfrau zum Kinde, aber aus jugendlichem Leichtsinn: Als ich vor zwanzig Jahren beim SDR anfing, dachte ich, es wäre doch wunderbar, wenn wir gemeinschaftlich eine Krimireihe in der ARD machen würden. Das habe ich damals den Hörspielkollegen vorgeschlagen und eine ziemliche Bauchlandung erlebt. Ich habe einfach nicht genügend Bündnispartner gefunden, und so wurde das Projekt auf Eis gelegt. Es hatte sich indes nicht völlig erledigt. Ich habe immer mal wieder dran gedacht und jetzt vor zwei, drei Jahren mit Kollegen gesprochen, die sich nun von der Idee sehr angetan zeigten: Plötzlich konnten wir es wiederbeleben.


Die Idee stammt also von Ihnen selbst?

Ja, wobei ich wohl nicht der erste war, der sie hatte - da gab es früher schon
andere. Schon Mitte der siebziger Jahre dachten Kollegen in die gleiche Richtung: Lasst uns doch mal im Krimisektor etwas gemeinsam machen! Aber das hat nie richtig geklappt.

Ich selbst bin darauf gekommen, weil ich einer überregionalen Zeitung angeboten hatte, regelmäßig über Hörspiel zu schreiben. Das fand man grundsätzlich gut, hatte aber Bedenken, weil Hörspiele mal in dem einen, mal im anderen Sendegebiet liefen und die Hörspiellandschaft ziemlich zersplittert war. Man fand es für eine bundesweit erscheinende Zeitung zu riskant, solche regionalen Sachen rauszupicken. Bei einer größeren gemeinschaftliche Reihe aber wollte man gern neu nachdenken.

Das war ein Anlass! Der zweite: Ich kannte viele Kollegen aus den einzelnen Sendern und habe gesehen, dass sie wunderbare Autoren beschäftigen, dass große Kenntnis und Kreativität in den Redaktionen vorhanden ist, dass tolle Krimis entstehen. Da lag die Idee einfach nahe, zusammen an einer Reihe arbeiten zu wollen. Die Kreativität und das Potential warteten nur darauf, zusammenzukommen und sich auf einer Plattform auszutoben. Als Gemeinschaftsprojekt, das in der Öffentlichkeit ganz anders da stünde und mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Das waren die beiden Aspekte: Mehr Aufmerksamkeit erzeugen und Kreativität bündeln.


Wie funktioniert die Arbeit beim Radiotatort? Ist jeder Sender vollkommen autark?

Im Prinzip ja, jeder Sender ist autonom. Allerdings - das gehört zur Koordination dazu - teilen wir uns möglichst frühzeitig die Plots mit - wir haben uns dazu eine ARD-weite Datenbank aufgebaut - damit nicht zwei Dramaturgien an der gleichen Idee arbeiten. Das hatten wir gerade: eine Redaktion mussten eine Idee fallen lassen. weil sie schon 'besetzt' war. Wir teilen uns auch sehr früh mit, wer schreibt. So früh es geht, geben wir uns die Manuskripte zu lesen, um zu ermöglichen, dass gelegentlich - wo es Sinn macht - sich die Ermittler, die Figuren aus den verschiedenen Tatorten begegnen. das es da kleine Kontakte gibt. Da kennen sich z. B. zwei oder drei Kommissare - z. B. kennt der Kölner Kommissar, denjenigen aus Hamburg, weil sie zusammen zur Polizeischule gegangen sind. Eben solche Sachen. Also, wenn wir so kleine Verknüpfungen hinkriegen, dann wollen wir das auch machen. Man muss es nur früh genug abstimmen, damit man es bei den unterschiedlichen Produktionsvorläufen auch auf die Reihe bekommt.


Das wäre ja schon fast meine nächste Frage gewesen, ob es Gemeinsamkeiten bei den einzelnen Tatorten geben wird?

Ja, zum einen sind es solche kleinen Verzahnungen, mit denen wir noch am Anfang stehen, wie eigentlich mit allem . Wir waren etwas inspiriert von alten Fernsehtatorten: War nicht wunderbar, wenn der grantelnde Wiener Marek am telefon auf den grummelnden Kommissar Trimmel in Hamburg traf? Solche Verzahnungen wären schön.
Wichtiger aber sind folgende Gemeinsamkeiten: Jeder Sender versucht, ein paar Besonderheiten seiner Region einzuholen, sich den Mentalitäten der Menschen zu nähern, die sprachlichen Eigenarten deutlich zu machen, den Leuten etwas auf's Maul zu schauen. Das ist uns allen eine wichtige Sache. wir wollen mit unseren Krimis nicht im luftleeren Raum der reinen Phantasie schweben, sondern heran an Menschen und Realitäten.


Sind die Tatorte im Stil alle ähnlich oder wird es auch stilistische Ausreißer wie im Fernsehen geben?

Das ist jetzt noch zu früh, das kann man noch nicht sagen. Es gibt allerdings keine Vorgaben, die alles auf eine Schiene lenken. Nein, jedes Haus soll die Möglichkeit haben, eine eigene Farbe zu entwickeln. Es sollen Charaktere, originelle Typen entstehen, die Hörer sollen sich an sie erinnern können. Das wird etwas dauern. Auch im Fernsehen ist das nicht von heute auf morgen gegangen. Natürlich kann es 'Ausreißer' geben - aber erst mal auch ein paar 'Normalos'.


Glauben Sie, dass sich da auch bei bestimmten Ermittlern ein regelrechtes Fan-Wesen etabliert?

Auch das ist jetzt noch nicht zu sagen. Ich kenne die Stücke, die bereits produziert sind und kenne die Figurenskizzen der weiteren Folgen - ich glaube, da liegt gutes Potential auch für Lieblingsfiguren. Aber bis das den Hörer erreicht hat, wird es noch ein bisschen dauern. Gegenüber dem Fernsehen, das ja viel häufiger auf Sendung ist, haben wir den Nachteil, nur einmal im Monat zu senden. Da wird es sicherlich brauche, bis sich unsere Figuren etabliert haben.

Allerdings gibt es - um noch mal das Fernsehbeispiel zu bemühen - eine Produktion des Saarländischen Rundfunks, bei der es ziemlich flott ging: Kommissar Palü, der mit seinem Sportrad durch Saarbrücken radelte, hatte sich schon nach ein, zwei Folgen so festgesetzt, dass man ihn gleich wieder erkannte: Der komische Kauz mit seinem Rennrad. Es besteht die Chance, so etwas schnell zu etablieren.


Welche Zielgruppe versucht man mit dem Radiotatort zu erreichen? Eher die Fans des Radiohörspiels, die auf der Suche nach einer neuen Farbe sind oder hofft man auch Fans des Fernsehtatorts locken zu können?

Es sind sicherlich nicht nur die Katholischen, die eh schon in die Kirche gehen, will sagen: die Stammhörer, an die wir uns wenden. Wir haben eine treue Gemeinde, die gerne Krimis im Radio hört. Aber wir wollen darüber hinaus. Wir wollen neue Hörer mit dem Radiotatort erreichen. Junge Hörer etwa - daher die Wiederholungstermine auch in den jungen Programmen z. B. im SWR bei DASDING. Ich bin sicher, dass die Aufmerksamkeit, die wir jetzt schon feststellen können, dazu führen wird, auch Hörer zu erreichen, die vielleicht zum ersten Mal mit dem Hörspiel in Berührung kommen. Ihnen wird es hoffentlich gefallen und sie werden wiederkommen. Wenn sie gemerkt haben, wie spannend das Hören sein kann.

Ich glaube schon, dass das für Radio, für das Hörspiel und die am Hören Interessierten ein gutes Angebot sein kann und auch neue Hörer zieht.

Eine Zielgruppe zu benennen ist schwer. Es sollen jetzt nicht die 16 bis 30-
oder 40-50jährigen sein, aber es sind sicherlich nicht nur die  klassischen Hörspielhörer angesprochen, sondern auch neue Hörer in der jungen und der mittleren Altersgruppe.


Es ist ja geplant, dass der Radiotatort neben der Ausstrahlung in den einzelnen Sendern auch im Anschluss kurzzeitig zum download zur Verfügung steht. Ist darüber hinaus auch eine Veröffentlichung auf CD vorgesehen?

Ja, den Radiotatort wird es auf CD geben. Ab dem Sommer erscheinen die Folgen beim hörverlag, München. Das wird eine schöne Ausgabe werden - ich habe schon erste Entwürfe gesehen, das sieht prima aus. Und ich denke, das Angebot wird auch erschwinglich sein.

Wir freuen uns darüber, aber auch der hörverlag, der - so wie ich hörte - das für ein gutes und wichtiges Projekt hält, tut dafür einiges. Ich hoffe und glaube aber auch, dass das gut angenommen wird.


Wo sehen Sie denn den Radiotatort in fünf Jahren?

Als feste Größe im Radioprogramm. Vielleicht in ein paar Programmen mehr, als sie heute auf der Liste stehen. Ich denke, dass auch die massenattraktiveren Programme, also nicht nur die Kulturwellen, sich zumindest um die Zweitsendung bemühen werden. Ich glaube fest daran, dass Hörspiel im Radio eine echte Perspektive und Chance hat, dass die Lust am Hören - auch von längeren Wortstrecken - zunimmt; Der Radiotatort wird sich etablieren und er wird Erfolg haben.


Gesetzt den Fall, der Erfolg wird entsprechend groß, ist es dann angedacht, den Radiotatort in der Frequenz zu erhöhen?

Möglich ist alles, fest steht das nicht. Im Moment haben wir ein Jahr Probezeit, im Sommer werden wir uns ja schon über die Verlängerung unterhalten. Sie wird sicherlich kommen. Aber ob man ausweiten oder Sendezeiten verlängern will? Dazu ist heute nichts zusagen. Es wäre nur unsinnige Spekulation.


Ist denn der Tatort vielleicht der Auftakt für weitere gemeinsame Projekte?

In der ARD , bei den Landesrunkfunkanstalten, gibt es schon lange Kooperationen, allerdings nicht in dieser großen Form wie es beim Radiotatort der Fall ist. Sonderprogramme, lange Abende, das haben wir gelegentlich. Wir machen solche gemeinsame Arbeiten ja eher mal an einem Abend. Und tatsächlich ein zweites großes Projekt, das Im März/April auf Sendung geht:
Die große Audioanthologie des Standardwerkes der deutschen Lyrik, Des Großen deutschen Gedichtbuchs von Karl Otto Conrady. Das wird als CD-Version die größte Lyrik-Edition auf dem deutschen Markt und bei Patmos erscheinen. Gesendet wird eine Auswahl aus den rund 1100 aufgenommenen Gedichten überall in der ARD. Jedes Haus entscheidet selbst, was es aus dem Konvolut verwenden möchte. Der SWR wird zunächst ein Jahr lang, jeden Morgen und Abend, ein Gedicht in seinem Kulturprogramm vorstellen.


Als abschließende Frage: Was sind denn Ihre Hörspiele des Jahres 2007?

Schwierige Frage - wenn es aus dem eigenen Bereich sein darf, würde ich "Enigma Emmy Göring" von Werner Fritsch nennen, die Geschichte der Frau von Hermann Göring oder auch "Loubna! Loubna!" von Marjolein Bierens über eine Migrantin in Holland. Bei den Krimis wären es "Die Süße des Lebens" von Paulus Hochgatterer, vielleicht auch "Mord im Zeichen des Zen" und im Bereich Kinderhörspiel ganz sicher der "Der Krieg der Knöpfe" und "Wie die Bären einst Sizilien eroberten".


Ich darf mich für das Interview bedanken und wünsche für den Start das
Radiotatorts alles Gute!













Das Interview führte Olaf von der Heydt per Telefon.



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