Die Hoerspiel-Freunde
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folgen Dr. Christine LehmannInterview mit Dr. Christine Lehmann, Autorin des SWR-Radiotatortes "Himmelreich und Höllental".


In welchen Bereichen waren Sie bisher als Autorin tätig? Ist der Radiotatort ihr erstes Hörspiel?

Nein, ich habe schon für den SWR verschiedene Kurzhörspiele geschrieben. Auch schon als Kind hatte ich mal ein Hörspiel verfasst, das dann auch tatsächlich produziert wurde. Mein Schwerpunkt ist aber eigentlich bei den Büchern und dort bei den Krimis.


Wie kamen Sie zum Radiotatort?

Schlicht und einfach, durch einen Anruf der Redakteurin. Die Hörspielredaktion des SWR, genauer gesagt, Uta Maria Heim, die ja ebenfalls Krimiautorin ist, rief mich an und fragte, ob ich mir diese Arbeit vorstellen könnte. Das wollte ich gerne probieren und habe dann auch mit viel Vergnügen die erste Folge geschrieben.


Die Ermittlerteams sind ja für den Tatort immens wichtig. Wie wurden diese "erfunden"?

Das ist eine Gemeinschaftsarbeit mit der Hörspielredaktion gewesen. Wir haben uns die Figuren dort erdacht. Das funktioniert, wie beim Fernsehtatort auch: Der Autor erfindet nicht alles, sondern arbeitet mit den vorher festgelegten Charakteren.


Beschränkt sich das nur auf die Hauptfiguren?

Nein, wir haben auch gemeinsam den Rahmen gefunden. Die SWR-Redaktion war fasziniert von der Tatsache, dass es in Baden-Württemberg ein "Höllental" gibt und gleich dahinter das "Himmelreich". Damit stand der Titel fest. Dann haben wir uns überlegt, welche Geschichte dort spielen müsste. Da war klar, dass da zum Beispiel Hirsche vorkommen müssen, da ja auch im Höllental dieser Bronzehirsch steht usw. So entwickelte sich die Geschichte, schnell stand fest, dass Elemente, wie ein Fleischskandal, das Thema Jagd und natürlich die Landschaft, die ja auch hörbar werden sollte, in die Handlung einfließen müssen.

Dazu gab es ja die beiden Hauptfiguren: Kriminaloberrat Finkbeiner, der aus der Gegend der Schweizer Grenze stammt, ein waschechter Alemanne - ein bisschen maulfaul, ein bisschen eigenbrötlerisch. Dazu Nina Brändle, die Schwäbin aus Stuttgart – jung und sehr aktiv und dynamisch. Die beiden verstehen sich auf Anhieb zunächst einmal nicht. Das ist natürlich ein Thema: Württemberger und Badener – sie müssen sich eigentlich zusammenraufen, und genau das passiert dann auch.

Wichtig war auch der regionale Bezug. Es spielt da, wo die Leute auch leben und handelt auch von dem, was sie erleben. Wir haben auch mit Absicht Mundart mit eingebracht, um die Hörbarkeit der regionalen, sowie die Mentalitätsunterschiede deutlich zu machen.


Woher bezieht man bei der Unmenge der im Tatort bereits aufgegriffenen Themen überhaupt seine Inspiration?

Die Gefahr, dass man ein bereits bearbeitetes Thema wiederholt, besteht natürlich immer. Wir hatten hier allerdings aufgrund des konkreten regionalen Bezugs Glück, denn es gab noch nie einen Tatort, der dort gespielt hat. Das Thema "Fleischskandal" gibt es natürlich schon, allerdings verläuft dieser auch in meiner Geschichte ganz anders, als man es erwartet. Denn dieser ist ja nicht der Mittelpunkt, sondern es geht ja um einen Fehler, den jemand macht und dessen Folgen katastrophal sind.

Die Ideen liegen hauptsächlich in der Region, der Landschaft, in der man die Geschichte spielen lässt. Das fing beim Bronzehirsch an, daraus entwickelt sich dann über das Lokal, das Hirschbraten verkauft, die Geschichte weiter. Dann muss man noch für jede Szene eine gute Idee haben, aber die "große" Idee erzählt sich fast von alleine


Wird das bei der zweiten Folge auch so sein?

Die zweite Folge wird ein Stadtkrimi! Ort der Handlung wird Stuttgart sein. Das läuft dann ein bisschen anders, ein bisschen dramatischer ab. Dort wird es die Androhung eines Amoklaufs an einer Stuttgarter Schule, an der viele ausländische Schüler unterrichtet werden, geben. Diesen müssen nun Finkbeiner und Brändle verhindern und dazu bleiben ihnen nur 24 Stunden.

Es geht natürlich da in eine ganz andere Richtung, aber es soll ja nicht nur Krimis geben, die auf dem Land spielen. Es gibt Stadt- wie Landprobleme, und es wird immer so sein, dass wir uns die verschiedensten Orte ausdenken und für dort typische Geschichten erzählen.


Inwiefern ist man beim Schreiben einer Tatort-Geschichte eingeschränkter als bei anderen Stoffen?

Im Vergleich zu meinen Romanen natürlich, dort kann ich mir die Rahmenfiguren selbst erdenken. Aber im Hörspiel ist es zudem so, dass man nur 55 Minuten zur Verfügung hat und in dieser Zeit eine Geschichte erzählen muss, in der sich alles nur in den Dialogen und der Frage, wie sich die Leute äußern, abspielt. Jedes Gefühl, jede Stimmung, der Doppelsinn muss sich aus den Worten und aus der Stimme des Schauspielers ergeben. Das ist reizvoll, weil es anders ist.


Ist es schon mal passiert, dass man mittendrin plötzlich merkt, dass man sich übelst verhaspelt hat?

Ja, das kommt vor. Meine Bücher fange ich oft dreimal an, bis alle Figuren stehen. Wenn diese vollständig sind und ihre Geschichte schon in sich tragen, dann funktioniert auch das Buch.
So war das auch beim Hörspiel. Ich habe anfangs die Figuren betrachtet und ihre Komplexität hinterfragt. Ab dem Moment, in dem sie einen eigenen Charakter gewonnen haben, dann wird diese Figur auch die Geschichte erzählen. Ich renne quasi hinterher und versuche, sie auch einzufangen und unter Kontrolle zu bringen und komme so zum Plot.


Haben Sie noch Einfluss auf die Arbeit nach Abgabe des Skriptes?

Technisch nicht. Aber der Regisseur, Günter Mauer, hat es mir ermöglicht, zwei Tage bei der Produktion dabei zu sein. Ich hätte hierbei mich auch zu Wort melden dürfen, musste es aber gar nicht. Ich konnte es getrost aus der Hand geben, denn er wollte es ja so inszenieren, wie er glaubt, dass ich es mir erdacht habe. Wenn er es mal nicht wissen sollte, fragt er mich. Also letztlich wieder eine Teamarbeit, deren Ergebnis ich ganz toll finde.
Für mich ist es auch schön, wenn ich die Stimmen höre, die ich mir auch vorgestellt habe.


Wie viele Tatort-Geschichten schreiben Sie pro Jahr?

Der SWR wird immer zwei Folgen pro Jahr erstellen. Die ersten beiden stammen von mir, aber der SWR wird auch versuchen, andere Autoren ins Boot zu holen, die dann ihre Geschichten erzählen. Was auch ein guter Aspekt ist, denn diese können dann die Figuren weiterentwickeln. Das ist auch unabdingbar, denn Finkbeiner und Brändle werden ja – so hoffen wir – einen lange Geschichte haben und da sind neue Ideen immer hilfreich.


Es gab ja schon zwei Pre-Listenings. Wie waren denn die Reaktionen?

Wir waren ja z. B. im Polizeipräsidium im Karlsruhe und das war super. Es kamen unglaublich viele Leute. Einige auch, die noch nie ein Hörspiel gehört hatten. Für mich war das klasse, weil ich sehen konnte, wie die Leute hören, wo sie lachen, wo sie sich konzentrieren müssen…
Es waren ja auch Dinge im Hörspiel, bei denen man nur hört, was passieren könnte, ohne dass es jemand erklärt. Wie wir dort festgestellt haben, funktioniert es gut.

Das Feedback war sehr gut, den Hörern hat es sichtlich gefallen.


Wird es weitere Hörspiele von Ihnen– außerhalb der Tatort-Reihe - geben?

Es macht mir soviel Spaß, dass wir schon angedacht haben, dass ich auch mal in anderen Bereichen und Sendeplätzen des SWR ein Hörspiel platziere.


Ich bedanke mich für das Interview und wünsche für die Premiere im Radio alles Gute!



Dr. Christine Lehmann ist die Autorin des SWR-Radiotatortes "Himmelreich und Höllental". Die gebürtige Genferin studierte Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte in Stuttgart. Sie schreibt Liebesromane - ihr Buch "Die Bersteinfischer" wurde von der ARD mit Heiner Lauterbach in der Hauptrolle verfilmt – aber auch Krimis, u. a. gibt es bereits sechs Fälle ihrer Protagonistin Lisa Nerz, der letzte erschien im Jahr 2007 unter dem Titel "Der Allmachtsdackel"

Mehr Informationen zu Dr. Christine Lehmann unter www.lehmann-christine.de


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