Eventbericht von Ronny Schmidt
(prof. snape, hoerspiel-freunde.de)
Bochum,
Samstag, 20. Juni 2009,
Ungefähr 22:00 Uhr.
Die
Hörspiel-Freunde Patrick „Captain Blitz“ Holtheuer und meine Wenigkeit, „prof.
snape“, betraten das Planetarium Bochum. Das hektische Treiben an der
Abendkasse sparten wir uns, da die Karten schon längst zuvor „in
Sicherheit“ gebracht worden waren. So schickten wir uns an, direkt mal in den „äußeren Ring“ vor zu stoßen, eben jenen Wartebereich um das „innere Heiligtum“,
in das wir -hoffentlich, hoffentlich- pünktlich gegen 22:30 Uhr
zusammen mit nicht nur tempereturgefühlten zig anderen Zuschauern
drängen würden.

Nach drei Runden „Mut anlaufen“ (um Helge
Schneider zu zitieren), reihten wir uns in die bereits dezent lange
Schlange ein, die in dem tropisch anmutenden Rund der Öffnung der Türen
entgegenfieberte.
Ungefähr um 22:30 Uhr ging es dann los: Die
Türen wurden geöffnet und entgegen der vermuteten „Schlacht um die
Wipp-Sessel“ enterte man gesittet den Raum, unversehrt, mit allen Armen
und Beinen und so weiter. Der Einlass verwandelte den Innenraum des
Planetariums somit nicht gleich in ein der in Kürze zu lauschenden
Geschichte angemessenen Rahmen aus abgetrennten Körperteilen -
definitiv ein Pluspunkt, denn es gibt Veranstaltungen in anderen
Locations, da geht es völlig ungesittet zu.

Ich hatte schon öfters mitbekommen, das gerade
solche Veranstaltungen das Planetarium an die Kapazitätsgrenzen bringen
können, und an diesem Abend war es sogar derartig voll, daß nicht
einmal die reguläre Bestuhlung ausreichte - man hatte vorab sogar noch
etliche Stühle dazu aufgestellt, damit dem tatsächlich imensen
Besucheranstrom Genüge getan werden konnte. Wahnsinn!
Nun
also saßen wir, genauer gesagt, wir fläzten uns direkt neben das
erhoben gebaute Technik- und Rednerpult. Ok, Pult trifft es nicht ganz,
es ist eine erhoben gebaute Bucht, die vollgestopft ist mit der
Steuerungstechnik des Planetariums und eben dem Lesebereich für Simon
Jäger.

Nachdem Ruhe eingekehrt war, begüßte die
Zuschauer, besser: Zuhörer eine Dame des Planetariums und übergab kurz
darauf das Zepter, bzw. Mikrofon an Frank Brinkmann, der seinerseits
eine prägnante Einführung in den Abend gab. Ein paar Worte zu Clive
Barker, zu seinem „Ersten Buch des Blutes“ und der darin befindlichen
und heute auf dem Programm stehenden Kurzgeschichte „Der
Mitternachts-Fleischzug“. Geschickt verquickte Brinkmann Informationen
zum Autoren mit Informationen zur Thematik an sich, sprich: Den
U-Bahnen. Als dann auch noch in der Ankündigung des Erzählers des
heutigen Abends, Simon Jäger, auf das leider oft bemühte „die deutsche
Stimme von...“ Verzichtet wurde, gab ich ein innerliches „Hallelujah“
von mir. Natürlich ist mir die Marketingstrategie hinter der Nutzung
von „die deutsche Stimme von...“ klar, aber gerade heute hätte es
schlicht deplatziert gewirkt, denn es ging nicht um Synchron, sondern
um eine Lesung. Und die liest eben Simon Jäger, die deutsche Stimme von
Simon Jäger und eben nicht Matt Damon, nicht Josh Hartnett und gewiss
nicht Heath Ledger. Chapeaux dafür!

Dann war es so weit: Die Kuppel verdunkelte sich,
es erschien der Sternenhimmel, den Clive Barker anno 1984 in London
gesehen haben musste, als seine Kurzgeschichtensammlung ein
verlagliches Zuhause gefunden hatte...
...und der nun die
Zuschauer zusammen mit der passenden Eingangsmusik in eine packend
inszenierte Lesung des Großmeisters der phantastischen Horrorliteratur
entführte.
Und dann war sie da: Die Stimme, die man schon so
viele Stunden von CD, von DVD, von iPods und anderen MP3-Playern gehört
hatte, die Sebastian Fitzeks (Hör-)Buchgewordnen Albträume so
punktgenau, so packend spielt, daß man schlicht vergisst, daß es sich
„nur“ um eine Lesung handelt: Simon Jäger schlug die Zuhörer sofort in
seinen Bann. Sein pointiertes Spiel, die Darstellung von
Charakterzügen, das Schaffen von Spannungsmomenten, all das, was man
von Studioproduktionen kennt, all das passiert auch live. Brillant
bringt er den verschrobenen Verschwörungstheoretiker rüber, dem drei
Zähne fehlten, beängstigend „kratzend“ den Schlächter, die
Erzählerparts - Jägers Leistung ist und bleibt einfach unglaublich, was
das Schaffen von Atmosphäre und das Spiel der Charakter inbesondere im
Thriller-/Horrorbereich angeht.
Etwas
stutzig wurde ich allerdings, als mir einige Kürzungen auffielen und in
der Tat: Die im Original ausserordentlich blutige und vor allem
detailverliebte Darstellung der Taten des U-Bahnschlächters war
entschärft worden. Glücklicherweise hatte Frank Brinkmann dabei nicht
blind drauf losgesäbelt, sondern den Plot im Blickwinkel behalten - und
die Kürzungen sollten auch eigentlichen Hardcore-Fans als reine
Vernunfthandlung begreiflich sein: Das Planetarium ist eine öffentliche
Einrichtung und es saßen auch nicht nur die Gore-Nerds im Publikum,
sondern eben auch ältere Leute, denen die nicht plotrelevanten
Ausschmückungen Barkers sicher nicht nur ein wenig missfallen hätten.
Von daher kann zumindest ich es durchaus nachvollziehen, daß hier die
Schere angesetzt wurde, der Plot dadurch jedoch nicht litt.

Gegen Mitternacht war der akkustisch bestechend
inszenierte Horrortrip in die U-Bahnschächte New Yorks vorbei, der
Morgen dämmerte in der Erzählung und passend dazu zierte die Kuppel des
Planetariums ein dezentes Morgenrot.
Überhaupt hatte man sich
verdammt viel Mühe gegeben, die Grenze zwischen den Sinnen auszuhebeln:
Sei es durch obig erwähnte Lichteffekte, aber besonders durch den
Einsatz von Geräuscheffekten. Es ist einfach unglaublich und
unglaublich eindringlich, wenn Simon Jäger von Regen und Gewitter liest
und dabei im Hintergrund tatsächlich Regen und Gewitter eingespielt
werden -subtil, aber eben wahrnehmbar-, wenn die Erzählung davon
berichtet, wie jemand in eine U-Bahn steigt und der Zug anschließend
Fahrt aufnimmt, und man genau dies im Hintergrund wahrnimmt. Ein
brillanter Schachzug, der gern beibehalten werden kann.

Nach dem mehr als verdienten Applaus, sowohl für
Simon Jäger, als auch für die technischen Helfer und Frank Brinkmann,
gab es noch für die Lesungs- und Synchronfans eine tolle Nachricht: Die
„Literatur der Nacht“-Reihe wird fortgesetzt und die nächsten Male
werden es Frank Glaubrecht, David Nathan und erneut Lutz Riedel sein,
die im Planetarium Bochum zu hören sein werden. Man darf gespannt sein,
hat man mit Jäger, Glaubrecht, Nathan und Riedel eben nicht nur
„Synchron-Schwergewichte“, sondern vor allem begnadete Leser im
Programm.
Ronny Schmidt
(prof.
Snape, hoerspiel-freunde.de)