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Sonntag, 21. Juni 2009, 19:43

Event-Bericht: Literatur der (durchwachten) Mittsommer-Nacht

Eventbericht von Ronny Schmidt (prof. snape, hoerspiel-freunde.de)

Bochum, Samstag, 20. Juni 2009,
Ungefähr 22:00 Uhr.
Die Hörspiel-Freunde Patrick „Captain Blitz“ Holtheuer und meine Wenigkeit, „prof. snape“, betraten das Planetarium Bochum. Das hektische Treiben an der Abendkasse sparten wir uns, da die Karten schon längst zuvor „in Sicherheit“ gebracht worden waren. So schickten wir uns an, direkt mal in den „äußeren Ring“ vor zu stoßen, eben jenen Wartebereich um das „innere Heiligtum“, in das wir -hoffentlich, hoffentlich- pünktlich gegen 22:30 Uhr zusammen mit nicht nur tempereturgefühlten zig anderen Zuschauern drängen würden.

Nach drei Runden „Mut anlaufen“ (um Helge Schneider zu zitieren), reihten wir uns in die bereits dezent lange Schlange ein, die in dem tropisch anmutenden Rund der Öffnung der Türen entgegenfieberte.
Ungefähr um 22:30 Uhr ging es dann los: Die Türen wurden geöffnet und entgegen der vermuteten „Schlacht um die Wipp-Sessel“ enterte man gesittet den Raum, unversehrt, mit allen Armen und Beinen und so weiter. Der Einlass verwandelte den Innenraum des Planetariums somit nicht gleich in ein der in Kürze zu lauschenden Geschichte angemessenen Rahmen aus abgetrennten Körperteilen - definitiv ein Pluspunkt, denn es gibt Veranstaltungen in anderen Locations, da geht es völlig ungesittet zu.

 

 

Ich hatte schon öfters mitbekommen, das gerade solche Veranstaltungen das Planetarium an die Kapazitätsgrenzen bringen können, und an diesem Abend war es sogar derartig voll, daß nicht einmal die reguläre Bestuhlung ausreichte - man hatte vorab sogar noch etliche Stühle dazu aufgestellt, damit dem tatsächlich imensen Besucheranstrom Genüge getan werden konnte. Wahnsinn!

Nun also saßen wir, genauer gesagt, wir fläzten uns direkt neben das erhoben gebaute Technik- und Rednerpult. Ok, Pult trifft es nicht ganz, es ist eine erhoben gebaute Bucht, die vollgestopft ist mit der Steuerungstechnik des Planetariums und eben dem Lesebereich für Simon Jäger.

 

 

Nachdem Ruhe eingekehrt war, begüßte die Zuschauer, besser: Zuhörer eine Dame des Planetariums und übergab kurz darauf das Zepter, bzw. Mikrofon an Frank Brinkmann, der seinerseits eine prägnante Einführung in den Abend gab. Ein paar Worte zu Clive Barker, zu seinem „Ersten Buch des Blutes“ und der darin befindlichen und heute auf dem Programm stehenden Kurzgeschichte „Der Mitternachts-Fleischzug“. Geschickt verquickte Brinkmann Informationen zum Autoren mit Informationen zur Thematik an sich, sprich: Den U-Bahnen. Als dann auch noch in der Ankündigung des Erzählers des heutigen Abends, Simon Jäger, auf das leider oft bemühte „die deutsche Stimme von...“ Verzichtet wurde, gab ich ein innerliches „Hallelujah“ von mir. Natürlich ist mir die Marketingstrategie hinter der Nutzung von „die deutsche Stimme von...“ klar, aber gerade heute hätte es schlicht deplatziert gewirkt, denn es ging nicht um Synchron, sondern um eine Lesung. Und die liest eben Simon Jäger, die deutsche Stimme von Simon Jäger und eben nicht Matt Damon, nicht Josh Hartnett und gewiss nicht Heath Ledger. Chapeaux dafür!

Dann war es so weit: Die Kuppel verdunkelte sich, es erschien der Sternenhimmel, den Clive Barker anno 1984 in London gesehen haben musste, als seine Kurzgeschichtensammlung ein verlagliches Zuhause gefunden hatte...
...und der nun die Zuschauer zusammen mit der passenden Eingangsmusik in eine packend inszenierte Lesung des Großmeisters der phantastischen Horrorliteratur entführte.
Und dann war sie da: Die Stimme, die man schon so viele Stunden von CD, von DVD, von iPods und anderen MP3-Playern gehört hatte, die Sebastian Fitzeks (Hör-)Buchgewordnen Albträume so punktgenau, so packend spielt, daß man schlicht vergisst, daß es sich „nur“ um eine Lesung handelt: Simon Jäger schlug die Zuhörer sofort in seinen Bann. Sein pointiertes Spiel, die Darstellung von Charakterzügen, das Schaffen von Spannungsmomenten, all das, was man von Studioproduktionen kennt, all das passiert auch live. Brillant bringt er den verschrobenen Verschwörungstheoretiker rüber, dem drei Zähne fehlten, beängstigend „kratzend“ den Schlächter, die Erzählerparts - Jägers Leistung ist und bleibt einfach unglaublich, was das Schaffen von Atmosphäre und das Spiel der Charakter inbesondere im Thriller-/Horrorbereich angeht.


Etwas stutzig wurde ich allerdings, als mir einige Kürzungen auffielen und in der Tat: Die im Original ausserordentlich blutige und vor allem detailverliebte Darstellung der Taten des U-Bahnschlächters war entschärft worden. Glücklicherweise hatte Frank Brinkmann dabei nicht blind drauf losgesäbelt, sondern den Plot im Blickwinkel behalten - und die Kürzungen sollten auch eigentlichen Hardcore-Fans als reine Vernunfthandlung begreiflich sein: Das Planetarium ist eine öffentliche Einrichtung und es saßen auch nicht nur die Gore-Nerds im Publikum, sondern eben auch ältere Leute, denen die nicht plotrelevanten Ausschmückungen Barkers sicher nicht nur ein wenig missfallen hätten. Von daher kann zumindest ich es durchaus nachvollziehen, daß hier die Schere angesetzt wurde, der Plot dadurch jedoch nicht litt.

Gegen Mitternacht war der akkustisch bestechend inszenierte Horrortrip in die U-Bahnschächte New Yorks vorbei, der Morgen dämmerte in der Erzählung und passend dazu zierte die Kuppel des Planetariums ein dezentes Morgenrot.
Überhaupt hatte man sich verdammt viel Mühe gegeben, die Grenze zwischen den Sinnen auszuhebeln: Sei es durch obig erwähnte Lichteffekte, aber besonders durch den Einsatz von Geräuscheffekten. Es ist einfach unglaublich und unglaublich eindringlich, wenn Simon Jäger von Regen und Gewitter liest und dabei im Hintergrund tatsächlich Regen und Gewitter eingespielt werden -subtil, aber eben wahrnehmbar-, wenn die Erzählung davon berichtet, wie jemand in eine U-Bahn steigt und der Zug anschließend Fahrt aufnimmt, und man genau dies im Hintergrund wahrnimmt. Ein brillanter Schachzug, der gern beibehalten werden kann.


 

Nach dem mehr als verdienten Applaus, sowohl für Simon Jäger, als auch für die technischen Helfer und Frank Brinkmann, gab es noch für die Lesungs- und Synchronfans eine tolle Nachricht: Die „Literatur der Nacht“-Reihe wird fortgesetzt und die nächsten Male werden es Frank Glaubrecht, David Nathan und erneut Lutz Riedel sein, die im Planetarium Bochum zu hören sein werden. Man darf gespannt sein, hat man mit Jäger, Glaubrecht, Nathan und Riedel eben nicht nur „Synchron-Schwergewichte“, sondern vor allem begnadete Leser im Programm.

Ronny Schmidt
(prof. Snape, hoerspiel-freunde.de)


 

 

 

Captain Blitz

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Sonntag, 21. Juni 2009, 23:31

Schöner Bericht! :thumbsup:

Das war ein Erlebnis, dass ich wohl nie vergessen werde, soviel ist sicher. :)

Es lohnt sich halt einfach zu diesen Lesungen zu gehen. Zweimal dagewesen, zweimal Volltreffer.

Frank hat da eine tolle Sache aus dem Boden gestampft, die es zu unterstützen gilt. Wer von euch in der Nähe wohnt, der sollte demnächst mal mitkommen. Vielleicht kann man ja geschlossen mit den Hörspiel-Freunden da mal anrücken und sich eine Ecke reservieren lassen.

Nochmal vielen Dank an Frank Brinkmann, den Mann vom Sender und natürlich Simon Jäger! :thumbsup:

So, jetzt erstmal wieder ins Bett verschwinden und weiter den Pegel drosseln. :lolz:
Ihr wollt Psychothriller? Ihr kriegt sie!



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